Netzöffentlichkeit und die ideologische Selbstermächtigung zur Gewalt

Was macht ein professioneller Computerspieler, der von der Gaming-Community unter Duldung des Betreibers in einem „Tribunal“ wie zu Zeiten der Jakobiner-Herrschaft lebenslänglich von der Plattform verbannt wird, weil er als unhöfliche Nervensäge einigen Konkurrenten auf den Keks gegangen ist? Der Betroffene ist hilflos, es gibt keine Schiedsgerichte, Mediatoren oder juristisch sauberen Verfahren. Am Ende wirkt der Bannspruch wie ein Berufsverbot.

Es sind Schand- und Ehrenstrafen, die die Reputation beschädigen. Ab dem 12. Jahrhundert eine beliebte Methode der Herrschenden, um die Fassade der „ehrbaren“ Bürger zu wahren. Wenn der Delinquent nicht geköpft, erhängt oder gevierteilt wurde, sollte er zumindest der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Die bigotte Community vernichtete die Existenzgrundlage des Ausgestoßenen.

Wenn man auf die jüngsten Streit- und Hass-Debatten auf Twitter und Instagram schaut, merkt man förmlich, wie das Social Web in einen Modus der mittelalterlichen Prangermethoden abgleitet. Die eigene Peer-Group wird angestachelt, dem missliebigen Kontrahenten seine netzöffentliche Reputation zu rauben.

Seit der Gründung von Social Media sei ein Überschuss an Meinung da. Das sagte der Internet-Experte Christoph Kappes zum Medientag der Hochschule Fresenius in Köln. Das Problem liege nicht bei den Meinungen, so Professor Volker Banholzer von der TH Nürnberg. Problematisch sei der Überschuss an Aburteilungen in der Social Web-Kommunikation. Der schnelle Aufreger, die Ausschaltung der Kontextinformationen und die reflexhaften Boshaftigkeiten, die sich massiv im Netz ausbreiten.

Die Bedingungen für die Bildung der öffentlichen Meinung verändern sich. Der Soziologe Richard Münch sprach bereits Anfang der 1990er Jahre von einer „Entwertung der öffentlichen Sprache“ – also weit vor dem Siegeszug von Social Media: „Es wächst der Umfang der Kommunikation wie die Geldmenge in der Wirtschaft, Verständigung wird jedoch immer weniger erreicht, wie man bei einer Geldinflation mit dem Geld immer weniger Waren erwerben kann. Je mehr sich diese Erfahrung ausbreitet, umso mehr kann es zum Ausweichen in Ersatzwährungen und zur Rezession kommen. In beiden Fällen nimmt das Vertrauen in die Kommunikation ab.“

Heute klingen diese Worte nach Auffassung von Uwe Krüger beinahe prophetisch angesichts der Krisenphänomene, die mit Schlagworten wie Fake News, Verschwörungstheorien, Filterblasen und Echokammern diskutiert werden. Erleben wir gar einen Niedergang der offenen Gesellschaft? Im Extremfall erleben wir gar eine „ideologische Selbstermächtigung zur Gewalt“, so der Philosoph Hermann Lübbe. „Schließlich muss den Andersdenkenden – den womöglich vernagelten, schlicht verblödeten oder manipulierten – notfalls mit allen Mitteln gezeigt werden, was wirklich gespielt wird“, schreibt Krüger in seinem Beitrag „Der neue Strukturwandel der Öffentlichkeit und die German Angst“ für den Band „Die neue Öffentlichkeit: Wie Bots, Bürger und Big Data den Journalismus verändern“.

In einer zerklüfteten, entgrenzten und hochgradig aufgeheizten Netzöffentlichkeit wird es immer schwieriger, einen sachlichen Diskurs zu führen und einen politischen Konsens herzustellen.

Unter diesen Bedingungen dürfen wir uns über die Rückkehr autoritärer und feudaler Herrschaft nicht wundern.

Wie gehen wir mit dieser Entwicklung um? Wie können wir Checks and Balances im Social Web etablieren, die für eine offene Gesellschaft so wichtig sind?

Über Antworten (nicht nur) in den fünf Gruppen der Vorlesung digitale Medien würde ich mich sehr freuen.

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Autor: gsohn

Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.

Ein Gedanke zu „Netzöffentlichkeit und die ideologische Selbstermächtigung zur Gewalt“

  1. Claus Pias, Professor für Medientheorie und Mediengeschichte, ist der Auffassung, dass man die digitalisierte Welt nicht mit Begriffen der Moderne wie Transparenz oder Partizipation beschreiben kann. Sein Vorschlag: Digitale Kulturen lassen sich eher mit vormodernen Begriffen verstehen.

    Wir würden eine veränderte Gegenwärtigkeit erleben. Ein Verschmelzen von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, einen Absolutismus der Gegenwart, wie es Robert Musil ausdrückte. Reden über die digitale Zukunft seien verfehlt, genauso wie Diskurse über die Beschleunigung, weil die Zeitstrukturen nicht mehr stimmen. „Die moderne Zeitordnung, die vor rund 200 Jahren entstand, kollabiert“, bemerkt Pias in der DFG-Podiumsdiskussion. Er spricht von einem eminenten Zukunftsverlust. Man begegnet dauernd sich selbst in einer erschreckenden Erwartbarkeit mit komischen Formen von Rückkopplungsschleifen, die durch Datenspuren entstehen. „Das Ganze verschaltet sich zu einer breiten Gegenwart.“ Das mit den vormodernen Begriffen habe ich mal sehr kritisch zurückgewiesen. Wenn man sich aber die aktuellen Prangermethoden im Social Web anschaut, liegt Pias wohl doch richtig.

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